European Cross-Duathlon Championships Xterra Dolomiti Paganella

Beitragsbild ETU EM Andalo

Ein schweres Rennen – in vielerlei Hinsicht!

Mitten in den Dolomiten liegt das verträumte Dorf Andalo, oberhalb von Molveno und dem gleichnamigen See. Eine wundervolle Gegend unterhalb des Cima Tosa, ein markanter Berg mit steilen Wänden. Typisch Dolomiten. Im Winter ein begehrtes Ski-Gebiet, im Sommer ein Paradies für Wanderer und Mountainbiker. Und am 24. September 2021 das Mekka für ambitionierte Cross-Duathleten!

Cross Duathlon EM Andalo - DTU AK Nationalteam vor dem Rennen.
Cross Duathlon EM Andalo – DTU AK Nationalteam vor dem Rennen.

Für mich war es mein zweiter Auftritt im deutschen Nationaltrikot bei einer Europameisterschaft im Cross-Duathlon und ich war vorab sehr aufgeregt, denn ein Podestplatz sollte her. Die Konkurrenz schien überschaubar. Der große Favorit und Sieger der letzten Cross-Duathlon EM in Targu Mures war ebenfalls am Start – der Spanier David Malagon Lopez. Schon vor zwei Jahren war er eine Klasse für sich. Aus meiner Perspektive konkurrenzlos, um nicht zu sagen Teil einer fernen Leistungsdimension. Zumindest aus einer Perspektive.

Ein weiterer ernst zu nehmender Gegner schien der Italiener Paolo Grassero. Ich möchte ihn als Ultraläufer vorstellen der in der UMTB World Series startet und zum ersten Mal bei einer Cross-Duathlon EM am Start stand. Unberechenbar. Und zu guter Letzt fiel mir der Engländer Jonathan Heasman aufgrund seiner Vielzahl an internationen Starts bei diversen Multisport-Meisterschaften auf. Auch er schien hungrig auf einen Platz auf dem Treppchen zu sein.

Streckencheck.

Beim Streckencheck am Tag zuvor realisierte ich zwar den Anspruch des Parcours, sollte aber erst direkt im Rennen merken, wie extrem schwer ich mir tun würde. Insbesondere die Radstrecke fühlte sich im ausgeruhten Zustand anspruchsvoll aber grundlegend OK an. Die nachfolgenden Bilder geben einen Eindruck der gut markierten Streckenführung, jedoch auch des Anspruchs.

Die Distanzen der Cross-Duathlon EM.

  • Trailrun 1 – zwei Runden a 4k mit 77 hm pro Runde. Die Kilometer 1 & 2 verliefen halbwegs flach auf Naturpfaden, Kilometer 3 steil und anspruchsvoll durch´s Gebüsch und Kilometer 4 abfallend auf Kieswegen. Schwierigkeitsgrad moderat würde ich sagen.

  • MTB-Parcour – zwei Runden mit je ca. 14k, insgesamt ca. 1.139 hm (!!!). Teilweise sehr technische Streckenführung. Steil, steil, steil! Anspruchsvoll und vor allem unrythmisch epfand ich den Verlauf.
     
  • Trailrun 2 – eine Runde mit 4k identisch zum ersten Trailrun.

Tja, das war das Menu für diese Cross-Duathlon EM 2021, gesalzen mit meiner persönlichen Ambition und sehr hohen Erwartungen! Zur weiteren Einstimmung ein kleiner After-Race-Trailer, der einen kompakten Eindruck der Veranstaltung vermittelt – man beachte Sekunde 29 🙂

video credit by xterra europe.

Trailrun 1 – 8k mit 154hm.

Das Rennen begann schnell. Sehr schnell!

video credit by santi ribot.

Ich war hoch motiviert! David Malagon Lopez übernahm vom Start weg die Führung. Wie erwartet! Paolo Grassero folgte direkt und versuchte wohl von Beginn den Abstand zur Spitze so gering wie möglich zu halten. Ich versuchte zuerst dran zu bleiben, merkte jedoch schnell, daß dies wenig Sinn machen würde. Also Ruhe bewahren, eigene Pace zu und den Rennmodus finden.

Cross Duathlon EM Andalo - und es wurde noch steiler ;-)
Cross Duathlon EM Andalo – kurze Attacke für freie Sicht und Rennmodus finden 😉

Ich befand mich nun in der ersten größeren Verfolgergruppe, was mit Herausforderungen verbunden war. Aufgrund des direkten Vordermanns war es sehr schwierig das Terrain sehen und lesen zu können. Somit stolperte ich im Pulk mit. Am ersten Steilstück attackierte ich kurz, überholte drei Athleten und konnte mich im kommenden Downlhill-Abschnitt etwas absetzen. Nun hatte ich keine Athleten mehr direkt vor mir, außer den führenden Lopez und der dicht folgenden Spitzengruppe um Grassero. Ich ging in die zweite Runde. Mit viel zu hohem Puls! Wider Vernunft und innerer “Mach-Langsam”-Dialoge schaffte ich es auf der zweiten Runde auch nicht meine Pace samt Puls zu reduzieren. Und so lief ich einfach weiter also ob das Rennen nach dem ersten Trailrun zu Ende sein würde.

Wechsel 1.

Nach gut 35 Minuten kam ich als Dritter meiner Altersklasste in die Wechselzone und wusste um meine Platzierung. Dabei hoffte ich inständig auf weiterhin gute Beine und hohe Konzentrationsfähigkeit auf der Radstrecke. Ich wusste, daß die ersten zwei Kilometer extrem steil, technisch und verdammt hart werden würden. An ein Durchschnaufen war vorerst also nicht zu denken. Dies war erst ab dem Flow-Trail-Abschnitt bei Radkilometer 12 möglich.

Cross Duathlon EM Andalo - Trainsition 1.
Cross Duathlon EM Andalo – Transition 1.

MTB – 28k mit 1.139hm (#aua).

Nach einigen hundert Meter flacher Teerstrasse ging es auch direkt in den Anstieg. Immer wieder schaute ich zurück, um etwaige Verfolger im Blick zu haben. Ehe ich nach knapp einem Kilometer im Wald von Andalo verschwand, sah ich unterhalb auf der geteerten Strasse ein englisches Nationaltrikot. Heasman? Vielleicht. Ich beschleunigte…

Konzentriert kurbelte ich mich über Wurzeln und Felsen den Singletrail in die Höhe. Immer etwas Angst, daß von hinten einer kommen würde. Ich pushte mich immer weiter und schließlich kam ich an einer Passage an, die für mein fahrerisches Können zu schwer war. Ich stieg ab und schulterte mein MTB. Von der Streckenbegehung am Vortag wusste ich, daß direkt ca. fünfzig Meter später erneut eine Tragepassage kommen würde, weshalb ich aus Effizeinz und energetischen Gründen nicht wieder aufstieg. Ich schob mein MTB nun den Trail hinauf. Genau in diesen Augenblicken hörte ich hinter mir einen Athleten arbeiten. Ich drehte mich um und erkannte tatsächlich Jonathan Heasman. Er fuhr!!! Er fuhr gekonnt das Teilstück hoch, über welches ich meine MTB getragen hatte. WTF!!! Mit einer Leichtigkeit und Eleganz erklomm er grobe Steinbrocken und Wurzeln. Ich stieg schnell wieder auf und fuhr ungläubig weiter voraus.

Cross Duathlon EM Andalo - MTB-Kilometer 12
Cross Duathlon EM Andalo – MTB-Kilometer 12

Es dauerte nicht lange und Heasman überholte mich. Er wirkte sehr locker und verdammt SCHNELL! Er ließ mich nahezu am Trail stehen. Ganz ehrlich: Das frustierte mich! Mir war klar, daß ich soeben auf den 4. Platz gerutscht bin! Erste Maßnahme: “Dran bleiben!!!” Ich versuchte es umzusetzen. Negativ! Meine Oberschenkel krampften direkt und es grüßte der vorangegangene 8k Trailrun. Frustration machte sich kurzzeitig breit! Ok, zweite Maßnahme einleiten: “Sichtkontakt halten”! Selbst das war nur kurz möglich! Heasman war wenige Minuten später aus meinen Sichtfeld verschwunden.

Gewonnen und verloren wird zwischen den Ohren!

Keine Ahnung vom wem dieses Zitat stammt, doch zu diesem Zeitpunkt gab ich das Rennen innerlich bereits auf! Ich wollte zuerst weiter kämpfen, versuchte mich zu motivieren und hoffte, daß ich im Laufe des Rennens wieder aufschließen könnte. Inbesondere auf der Abfahrt nach Molveno hinab riskierte ich sehr viel! Doch vor mir war weit und breit NIEMAND mehr zu sehen. Und so begann eine sehr einsame Phase des Rennens. Was das Kopfkino nicht besser machte.

Auf dem Rückweg hinauf nach Andalo setzten erneut Krämpfe in beiden Beinen ein. Meine Oberschenkel Rück- und Vorderseiten und sogar die Wadenmuskulatur zuckten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ich so am Limit, daß ich körperlich – ABER vor allem mental – kein Rennen mehr fuhr! Insbesondere als ich in die zweite MTB-Runde einbog, brach mich die Perspektive auf weitere extrem anspruchsvolle 14k mit knapp 600hm mental völlig! Ich fuhr zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf Platzierung. Ich wollte nur noch finishen! Ich wollte lediglich das es vorbei war!

Cross Duathlon EM Andalo - Zweite Runde entlang des Molveno See
Cross Duathlon EM Andalo – Zum zweiten Mal am Molveno See und endlich wieder Kontakt mit einem anderen Athleten.

Wechsel 2.

Kurz vor dem zweiten Wechsel fuhr der Spanier Santi Ribot, aus der Altersklasse AK 55-59, zu mir auf und und gemeinsam fuhren wir zum Andalo Sports Park, um unsere MTBs gegen Laufschuhe zu wechseln. Mental stark angeschlagen und körperlich sehr strapaziert, hängte ich mein Bike zwei Stunden und acht Minuten später an die Stange. Mein Wechsel war trotzdem schnell und ich ging vor Santi Robot auf die Laufstrecke. Die Änderung des Bewegungsablauf bescherte mir erneut Krampfansätze, doch wie aus heiterem Himmel kam meine Motivation zurück. Vielleicht auch Dank Santi 😉 Der Wettkampfwillen war wieder da und ich wollte abschließend zumindest einen soliden zügigen zweiten Trailrun in´s Gelände legen und mit erhobenem Haupt finishen!

Trailrun 2.

Cross Duathlon EM Andalo - 1k to go ...
Cross Duathlon EM Andalo – 1k to go …

Und das klappte auch halbwegs. Den ersten Kilometer versuchte ich meine Krämpfe in beiden Beiden weg zu laufen, was ehrlicherweise nicht klappte. Deshalb war eine kurze Dehnpause erforderlich. Eine knappe Minute brauchte ich für dieses Notprogramm und als ein Athlet im österreichischen Nationaltrikot – vermutlich ebenfalls Altersklasse AK 55-59 – an mir vorbei lief, schloss ich mich an. Erfreulicherweise passte seine Pace perfekt zu meiner Verfassung und so zog mich dieser fitte Mensch über die restlichen 3 Kilometer des Trailruns dem Zielteppich entgegen.

Ziel.

Cross Duathlon EM Andalo - finally!
Cross Duathlon EM Andalo – finally!

Finish! Geschafft. Aber völlig. 4. Platz der AK45-50. Noch auf dem blauen Teppich fühlte ich mich nicht nur froh, daß es vorbei war, sondern auch schlecht. Als hätte ich versagt, denn ich hatte mein Ziel verfehlt! Kein Podestplatz, kein Lohn für all den Trainingsfleiß der letzten Wochen!

Drei Stunden und acht Minuten nach dem Start sank ich zu Boden und konnte im Nachgang kaum mehr aufstehen. Der Muskelkater würde gewaltig werden, das war sicher. Und im Kopf war ich leer.

Einige Stunden später sinierte ich sehr demotiviert mit Pizza und Bier in Händen im Molveno See stehend über meine Leistung nach und fragte mich, was eigentlich ein erfolgreiches Finish gewesen wäre?

Klar, ein Podestplatz. Und sonst noch? Ich fand auf diese Frage doch sehr schnell sehr viele Antworten und meine Enttäuschung verwandelte sich mit einem Schmunzeln in Stolz:

  • Sportlich mein Bestes gegeben zu haben
  • Krisen bewältigt zu haben
  • Über die eigene Selbsteinschätzung und sich etwas gelernt zu haben
  • Sport in wundervoller Kulisse (bestem Wetter) genoßen zu haben
  • Teil dieser Europameisterschaft gewesen zu sein
  • Außergewöhnliche Menschen kennen gelernt zu haben
  • Gesund und glücklich zu sein, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen

Fazit: Es zeigt also doch, daß Erfolg mehrere Dimensionen hat und Leistung nur eine davon ist. Auch als ambitionierter Wettkämpfer, der sich meist über Leistungen vergleicht, ist es wichtig auch Teilerfolge zu feiern! Auch wenn es mal nicht mit dem Podest geklappt hat. Noch nicht 😉


Europe Cross Duathlon Championships

Typ: Cross Duathlon
Distanz: 8 – 28 – 4k


Datum: 24. September 2021
Nenngeld: 85 €

Laufstrecke 1:
Zwei Runden a 4k mit je 77hm. Die Kilometer 1 & 2 verlaufen halbwegs flach auf Natur- und Kiespfaden, ab Kilometer 3 ging es steil bergauf und anspruchsvoll durch´s Gebüsch. Der letzte Kilometer der Runde ist verhältnismäßig einfach zu abfallend auf Kieswegen zu laufen. Schwierigkeitsgrad moderat würde ich sagen.


MTB-Strecke:
Zwei Runden mit je ca. 14k, insgesamt ca. 1.139 hm (!!!). Anfangs sehr technische Streckenführung. Steil, steil, steil! Anspruchsvoll und vor allem unrythmisch empfand ich den Verlauf.


Laufstrecke 2:
Eine Runde mit 4k identisch zum ersten Trailrun.

Organisation
90%
Strecke
90%
Publikum
80%
Erlebnis
95%

 

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2 Kommentare on “European Cross-Duathlon Championships Xterra Dolomiti Paganella”

    1. Ciao Santi, è un piacere leggerti e ti ringrazio ancora per la tua performance a Molveno! È stata una giornata epica! Train on 😉

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